Steinigung

In Lust umschlungen
Haut in Haut
Im Fleisch der Rosenblätter
Quillt die Knospe stöhnend auf
Benetzt von fremder Quelle

Ertrinkt die Frucht
Erstickt der Schrei

In bleicher Wut
Erbricht der Turm
Im Schwarzen Wind
Die Namen der Gesetze

Stein um Stein
Ins Herz geschlagen
Ins Herz der roten Blätter

Aus totem Fleisch
Ragt ein Knochen
Mahnend in den dumpfen Himmel

Verweste Haut in Gottes Hand
Erbrochener Laut im roten Sand
In menschenleerer Wüste

02.01.2012 sdz

Stadtwerke Lyrikpreis

1. Preis (3000 Euro): David Schuller
Weitere Preise (bei rund 230 Einreichungen): 2. Katharina Kaufmann, 3. Edith Darnhofer-Demar, 4. Anna Obernosterer, 5. Stefan Zefferer, 6. Sebastian Rasbornig.
Jury: Sechs Juroren unter dem Vorsitz von Josef Winkler
Landespreis (2000 Euro): wird von Josef Winkler alleine vergeben und geht an Axel Karner.

Hier nun gerne meine drei Gedichte:

I
So ist es Recht

Spritzen
Giftspritzen
Gift spritzen
In die Haut ritzen
spitze Spitzen
Giftspitzen
Spritzen
bis das der Tod
bis dass der, er, der Tod
bis dass er, der, er der Tod
bis dass er endlich
unendlich
endlich
eintritt.

Recht so
Rechts oh
so ist es Recht.
Amen

II

Mi Grant

Oh seht, oh seht
Ossetien
ist ein sicheres Land
an sich, an sich
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
geht, vergeht sich
keiner mehr an euch
nicht mehr, nicht wahr
wahrlich nicht
mit tödlicher Sicherheit
zu sagen
ist das
sicher nicht.
So geht.
Das nicht.
So seht, so seht
das doch ein

III

Loslassen

Loslassen
loßn, lei loßloßn
oba wos denn
wenn das Schuldlamm
und die Hunde
sich zerfleischen
oba wie denn
wenn immer wieder
dunkle Schatten
davonlaufen
lafn, furtlafn
oba warum denn
wenn, ja wenn,
wen denn
anklagen?
Ja, wo denn
oba wo denn a
Stellung beziehen
ohne Angst
ongst a, na
brauchst ka ongst
keine Angst
nit hobn, na
vor wem denn a
außer vielleicht
vor dir
selbst

Schrei/Cry

“Wer schreit, erscheint lächerlich”, schrie mir seinerzeit im Internat der Erzieher in die langgezogenen Ohren. Ich schrie wegen der Schmerzen, in den Ohren und vor allem in der Seele. Aber so genau wusste ich das damals nicht, im Kloster der göttlichen Worte. Heute, bald 40 Jahre später, möchte ich wieder schreien. Brüllen. Einen langgezogenen, markerschütternden, durchdringen Schrei, hinausschreien. Und ich lade Euch/Dich ein, mit zu schreien, mit zu brüllen. So laut wie möglich. Ein gemeinsamer, unüberhörbarer Schrei.
Keine Argumente, keine Behauptungen, keine Sachverhaltsdarstellungen, kein Für und Wider, keine Diskussionen - nur ein Schrei. Ein hundertfach, tausendfach, unzählbar oft hinausgebrüllter Schrei, wegen der Schmerzen in der Seele, wenn zum Beispiel, wie jetzt in Kärnten, in Österreich, bei uns also, vor unserer Haustüre Menschen, in demütiger Not, kleingehalten, in jahrelanger Hoffnung und in jahrelangem Zweifel gelassen, verfrachtet werden, verschoben werden, abgeschoben, wie vor gar nicht allzu langer Zeit schon einmal, hier, bei uns, in Waggons verpackt, Väter mit ihren Kindern, Mütter mit Ihren Babys, denen ich in die verstört staunenden Augen schaue. Dann ist es wieder da, dieses ohnmächtige Gefühl und dann fällt es mir wieder ein. Du musst schreien, musst es hinausbrüllen, dein unüberhörbares: NEIN! - auch wenn es lächerlich erscheint.

Arigona Z.

Arigona Z.

Er habe mit Arigona Z. nichts zu tun, sagt mir ein lieber Freund. Er mache Kunst und ‚wer das denn sei, die Dame kenne er nicht’. Im Übrigen lese ich in verschiedenen Kommentaren, dass es da ja nicht nur Arigona Z. und ihre Geschwister und ihre Mutter gäbe. Da seien noch viele andere Flüchtlinge, von denen niemand rede. Warum also sollte man jetzt ausgerechnet dieser Arigona Z. helfen. Gesetz sein nun mal Gesetz. Und die Ministerin und die VerfassungsrechtlerInnen und der Staat und die alle, die hätten natürlich schon recht. Wo kämen wir da hin, wenn alle einfach so daherkämen und hier blieben, wenn doch eh schon alles so knapp sei und immer knapper werde - in Zeiten der Krise noch dazu. Und natürlich sei das jetzt hart. Das schon. Aber eben auch Gesetz. Und so ein Gesetz sei ja per se noch nicht schlecht oder gemein oder so, oder?

Na eben. Als dann. Die haben es jetzt eh gut gehabt, die Z.’s und die werden das schon packen im Kosovo. Ist ja schließlich ihr Mutterland, ihr Vaterland, ihre Heimaterde und Krieg ist auch keiner mehr dort, jedenfalls kein offizieller oder gar bedeutender. Außerdem ist die leidige Angelegenheit für die Verantwortlichen und für die Bevölkerung an sich, ganz egal, wie immer die Beteiligten dazu stehen mögen, in ein paar Tagen sowieso erledigt. Aus den Medien, aus dem Sinn. Die Fußballerei, das tragische Ausscheiden ganzer Nationen, die erbärmlich agierenden Schiedsrichter und der Bachmannpreis treten (wieder) in den Vordergrund. Habt acht! Na, passt eh. Passt schon. Kismet, Schicksal, so geht nun mal die Welt.

Und trotzdem stimmt da was nicht. So kommt es mir vor, so fühlt es sich an. Irgendetwas, tief drinnen in mir und vielleicht auch in dir sitzt da, so ganz klein zusammengekauert, ein wenig verloren und verzweifelt, etwas ganz Zartes, Kleines und hält sich die Händchen vor die nassen Augen. Weil so etwas daherkommt wie Schmerz, wie Mitgefühl, wie Sympathie, wie unmittelbare kindliche Zuneigung und Liebe. Weil da was echt wehtut und dich ungläubig staunen lässt. Und dann krieg ich eine Wut und denke mir, wieso stehen da nicht alle auf, wieso organisiert da keiner was wirklich hilfreiches, irgendwas, damit die Z.’s dableiben können und ich denke mir, ich gebe ein Geld dazu oder ich ruf meine Freunde an und bitte um Mithilfe und zum Glück gibt es andere auch, die so denken und ich unterschreibe Petitionen, damit wenigstens ein klein wenig Hoffnung wachsen kann.

Dann schaue ich meine kleine Tochter an und meine große und meine Söhne und ich schaue in den Spiegel und sehe die Mütter unserer Kinder und denke mir, wie unfassbar gut geht’s uns doch. Dann krampft sich wieder was zusammen und ich möchte was hergeben von dem Vielen, von den Geschenken, die seit meiner Kindheit auf meinen und unseren Tischen liegen – so selbstverständlich, so üppig.

Es wird nichts nützen, mein Lamentieren, meine Jammerei. Beschlossen ist beschlossen und wird auch nicht gebrochen – dabei wäre das so schön, so menschlich, so tief aus dem Herzen strahlend, wenn da jetzt wer käme, der das könnte, einfach so und sagte: Arigona Z., du bist uns herzlich willkommen, bleib bei uns, fühl dich wohl. Wir sind Europa, wir haben dich, wir haben euch gerne.

Es wäre zum Heulen, es wäre zum Plärren, es wäre eine solche Freude und ein Zeichen des guten Willens, der Milde und der Güte, der Wärme und der Menschlichkeit.

Und das alles ohne Richterspruch!

2 Wochen vor Schulschluss im Jahr 2010.

Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen

Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.

Ich empfehle dieses Buch, weil es notwendig ist, weil es die Augen öffnet, weil es wütend macht, weil es ein Korrektiv sein kann und im Gegensatz zu den Meldungen in den Nachrichtensendungen, die dazu angetan sind die Menschen im Unklaren zu lassen, eine bittere Wahrheit glasklar aufzeigt. Jean Ziegler ist mutig. Ihm gebührt uneingeschränkter Dank. Möge dieses Buch wirken.

Babypause und zugleich Schreibpause

Violeta-Marie, unsere Tochter, geboren am 7.6.2009 von meiner Eva, an einem Sonntagabend, zu Vollmond, wieder ein Wunder, wie David und Patricia und Clemens auch…

Was soll ich da schreiben. Jede Zeile umsonst, zuwenig, Lichtjahre entfernt von diesem Wunder Geburt, von diesem Wunder Leben, von diesem Wunder Liebe …

Da bin ich jetzt, ganz gewöhnlich und voller Freude. Pause.

Rück-Sicht

Dasein - Bitte nicht lesen

Scharfe Kurve - Bitte hier überholen.
Schutzweg - Bitte hier Gas geben.
Feuerwehrausfahrt - Bitte hier parken.
Krankenhaus - Bitte hier hupen.
Siedlungsgebiet - Bitte hier Müll ablagern.
Kinderspielplatz - Bitte hier Hunde ausführen.
Spielplatz - Bitte hier Hunde frei laufen lassen.
Fußgängerzone - Bitte hier Leute anpöbeln.
Alter Platz - Bitte hier Passanten bedrohen.
Wörtherseepromenade - Bitte hier Notdurft verrichten.
Seniorenheim - Bitte hier Kühlschrank entsorgen.
Marktplatz - Bitte hier kotzen.
Kaufhaus - Bitte hier den Motor laufen lassen.
Wahlplakat 1 - Bitte hier inne halten.
Wahlplakat 2 - Bitte hier nicht denken.
Wahlplakat 3 - Bitte hier bücken.
Konzerthaus - Bitte hier laut schreien.
Rathaus - Bitte hier die Nase rümpfen.
Krematorium - Bitte hier nicht rauchen.
Schlachthof - Bitte hier Leberkäse …

Wir haben den Auftrag, die Würde auch im Tod zu bewahren …

Die Tatwaffe dem durchtrennten Brustbein entzogen. Zugenäht, notdürftig verklebt … für das Begräbnis. Die Leiche sollte anständig … auch wegen der Hinterbliebenen - gewaschen und eingekleidet werden. Natürlich, sie ist freigegeben und – was sie nicht wissen, Herr Kommissar – sie hat mir ihre Geschichte erzählt … bevor ich ihre Augenlider vorsichtig … geschlossen hatte…

… die Sachverständigen rechnen am Tod vorbei, am Leben auch.Sie berechnen. Geschwindigkeiten, Winkel, Sicherheitsstandards, Millisekunden. Die Ampel schlägt um.
Die Sachverständigen sind unparteiisch, neutral, rein mathematisch. Sie erheben Zahlen- und Faktenmaterial, wägen ab, entwerfen, verwerfen. Agieren nach bestem Wissen und Gewissen und vergeben Empfehlungen. Mal so, mal so … die Gerichte fällen ihr Urteil, in erster Instanz … Schuldspruch. Freispruch.
Was hilfts?
Am Straßenrand brennen Kerzen.

Draußen. Da sei das Leben, sagst du.
Draußen, ja, mag sein!
Aber es steht mir nicht. Er passt mir nicht, dieser Anzug. Unmöglich. Was ich hier sehen muss, reicht mir. Es kommt von draußen. Verstehst du. In dieses Draußen will ich nicht. Es wird mir hier serviert. Ganz oder in Teilen. Vollständig nie. Lass es gut sein. Lass mich hier.
Wo sollte ich sonst das Leben spüren, in all seiner Kraft und Herrlichkeit - wenn nicht hier?

(Textauszüge ‘Augenmonolog’ von sdz. UA Premiere am 9. Oktober 2009, 20.00 Uhr, bei PAX Bestattung Klagenfurt. Es spielt: Franz Robert Ceeh in der Regie von Michael Weger und Martin Dueller. Weitere Termine: 17.10., 24.10., 7.11. und 14.11.2008. )

Freistoß

Ferdinand Böckl, stolzer Schiedsrichter, verpfeift direkt und wenn ihn der genoppte Schuh drückt auch indirekt, alle, die ihm den heiligen Rasen zertreten. Er duldet keinen Verstoß. Ferdinand liebt Regeln. Sie geben ihm Halt und lassen ihn jede Standardsituation regelgerecht beherrschen. So verwundert es uns kaum, ihn andauernd nur pfeifen zu hören. Er ahndet Fouls im Sekundentakt und pfeift uns unbarmherzig ins Ohr.

Es beginnt mit einem ersten Pfiff am Frühstückstisch, wenn Frau und Kind in der Nase bohren. Ein zweiter Pfiff fährt der Großmutter unter den Kittel, wenn sie ihre Dritten putzt. Dann pfeift er die Spieler übers Feld. Aus Berufung und Leidenschaft. Ohne Fehl und Tadel.

Nur ab und zu, ganz heimlich, gönnt er sich selber einen Freistoß. Dort hinten, in einer dieser grauen Boxen. Rote Karte.

Herzlich willkommen!

Dieses Webhuhn ist eben erst geschlüpft. Es piepst schon, tappst umher und sucht - noch weltblind - ein Körnchen … Wahrheit vielleicht oder auch Erfreulicheres. Und es freut sich auf alle möglichen und unmöglichen Beiträge oder Körner oder sonstiges Futter - es freut sich auf Euch.

Pieps, pieps …